Votum zu 379/2025 Keine Unterdrückung von Frauen und Mädchen an Zürcher Schulen und Kindergärten
Geschätzte Anwesende
Ich hätte nie gedacht, dass wir im Jahr 2026 ernsthaft darüber diskutieren, ob ein Stück Stoff zur Gefahr für unsere Schulen erklärt werden soll.
Als Muslimin betrifft mich diese Motion persönlich.
Aber sie betrifft weit mehr: Grundrechte, Gleichstellung und die Lebensrealität von Frauen und Mädchen in unserem Kanton.
Und ausgerechnet die SVP inszeniert sich hier als Partei der Gleichstellung.
Wäre das Thema nicht so ernst, würde ich jetzt laut lachen.
Denn diese Motion spricht von Neutralität und Gleichstellung –
in Wahrheit geht es um Ausgrenzung.
Seien wir ehrlich: Für Lehrerinnen mit Kopftuch bedeutet diese Motion faktisch ein Berufsverbot.
Es ist kein „Signal“ – es ist die Botschaft: So wie du bist, bist du hier nicht erwünscht.
Gleichzeitig wird das Kopftuch pauschal als Symbol der Unterdrückung dargestellt.
Die Gründe, warum Frauen ein Kopftuch tragen, sind unterschiedlich.
Genau deshalb ist ein generelles Verbot kein Schutz – sondern ein Eingriff in die Freiheit.
Die Motion betrifft nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Mädchen.
Gerade hier braucht es Differenzierung.
Natürlich müssen wir junge Menschen schützen, wenn sie unter Druck stehen. Das ist unbestritten.
Aber ein generelles Verbot ist dafür das falsche Instrument.
Der Bundesrat hält fest: Die Gründe, warum Mädchen ein Kopftuch tragen, sind vielfältig – und genau deshalb ist ein Verbot der falsche Weg.
Wollen wir ihnen wirklich sagen: Deine Entscheidung zählt nicht?
Ich trage selbst kein Kopftuch.
Aber ich verteidige das Recht anderer Frauen, es zu tun – aus demselben Grund, aus dem ich es nicht tue:
Weil jede Frau selbst entscheiden soll.
Und genau das ist der Kern von Gleichstellung: nicht Vorschriften – sondern Wahlfreiheit.
Wenn wir ehrlich sind, entsteht Diskriminierung genau dort, wo der Staat Frauen vorschreibt, was sie tragen dürfen – oder nicht tragen dürfen.
Zwang bleibt Zwang – egal ob er gesellschaftlich, familiär oder staatlich daherkommt.
Die Motion beruft sich zudem auf „christliche Werte“.
Ich frage Sie: Was ist mit Nächstenliebe, Respekt und dem Schutz von Minderheiten?
Kopfbedeckungen sind im Übrigen nichts Fremdes.
Sie gehörten über Jahrhunderte auch in Europa zum Alltag.
Sogar unsere Sprache erinnert daran: „unter die Haube kommen“ bedeutete heiraten – weil es selbstverständlich war, dass Frauen danach eine Kopfbedeckung trugen.
Was damals als Tradition galt, wird heute zum Problem erklärt – offenbar haben einige ihre eigenen Traditionen vergessen.
Das ist kein Zufall – das ist politisch gemacht.
Weiter wird behauptet, eine Lehrerin mit Kopftuch könne unsere Werte nicht glaubhaft vermitteln.
Auch das weise ich entschieden zurück.
Die Werte unserer Schule hängen nicht an einem Kleidungsstück.
Sie hängen an Haltung, Kompetenz und daran, wie wir unseren Schülerinnen und Schülern begegnen.
Eine gute Lehrerin bleibt eine gute Lehrerin – mit oder ohne Kopftuch.
Man könnte meinen, unsere Schulen seien so fragil, dass sie an einem Stück Stoff scheitern.
Und noch etwas:
Wir diskutieren hier nicht über ein reales Problem im Schulalltag.
Wir sprechen von vielleicht einer Handvoll Lehrerinnen in der ganzen Schweiz – und machen daraus eine Grundsatzdebatte mit weitreichenden Konsequenzen.
Diese Debatte schürt Misstrauen und bedient antimuslimische Vorurteile.
Sie trifft nicht nur Lehrerinnen, sondern auch muslimische Mädchen – und vermittelt ihnen schon früh: Ihr seid nicht willkommen.
Und genau das ist das eigentliche Problem – nicht das Kopftuch.
Eine offene Gesellschaft zeigt ihre Stärke nicht darin, wie sie Mehrheiten schützt,
sondern darin, wie sie mit Minderheiten umgeht.
Diese Motion ist deshalb nicht nur unnötig – sie ist gefährlich.
Gefährlich für Grundrechte, für die Gleichstellung und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Eine Gesellschaft wird nicht freier, indem sie verbietet – sondern indem sie Freiheit schafft und aushält.
Ich bitte Sie deshalb: Lehnen Sie diese Motion klar ab.
Vielen Dank.
Zum Votum.